Mittwoch, 30. September 2015

Leicester Tapas Trail

Mit dem Verlassen von Sizilien zum Austausch gegen England dachte ich, dies wäre es gewesen mit dem guten Essen. In meiner Abwesenheit hatte meine gute Freundin Laura von Extreme Housewifery einen Tapas Trail in Leicester mit mittlerweile über zehn Lokalitäten auf die Beine gestellt. Das besondere daran: Essen & Getränk für nur 3£!  Dies alleine ist schon ein hervorragender Deal, denn nur das Bier kostet normalerweise mehr, aber wenn sich die Pubs noch gegenseitig mit den Tapas übertrumpfen wollen profitiert der Kunde gleich nochmals mit.

Gegen 1 Uhr Nachmittags, gleich nach dem Aufstehen, begaben wir uns auf in die Stadt. Vernünftig wie wir sind, hatten wir im Bus ein Retourbillet gelöst (Haha!), aber wir alle wussten insgeheim, dass wir den letzten Bus um 23.20 Uhr nicht schaffen werden. Unser erster Stop war das Bossa, welches von Roxy's Kitchen kulinarisch versorgt wird und begann schon sehr vielversprechend mit Bier zum Frühstück, da wir noch auf zwei weitere Kollegen warteten.



Unser Hunger war nach dem Leeren des ersten Bieres jedoch zu gross und wir bestellten die ersten Tapas des Tages noch bevor die anderen eintrafen. Meine Wahl fiel auf köstliche Maiskolben in einer süssen Chilli Sauce. Aufmerksame werden bemerkt haben, dass die Biere bereits wieder halb leer sind, ein Anblick der sich auf den weiteren Bildern nicht ändern wird, da die Wartezeit auf die Tapas meist länger als eine Bierlänge war.



Danach ging es für einen kurzen Zwischenstopp ins The Turkey Cafe, mittlerweile mein dritter Besuch dort. Laura besprach mit dem Inhaber die Aufnahme des Lokals in den Tapas Trail und wir gönnten uns ein weiteres Bier in der Zwischenzeit. Die nächste Station war das Rutland & Derby, welches uns unglaubliche Lange warten liess und uns nach dem inbegriffenen Bier quasi nötigte den Hunger mit einem weiteren zu besänftigen. Das bestellte Lachsbrötchen entschädigte aber für die 45 Minuten Wartezeit:



Den Hunger konnte das Essen noch nicht stillen und wir gingen schnell weiter ins Taps, situiert in einem der ältesten Gebäude Leicesters mit der Möglichkeit das Bier selber zu zapfen. Das Taps hatte gerade Oktoberfestwochen und wir bekamen zu deutschem Bier einen ordentlich gewürzten Würstchen Eintopf. Der war zwar wunderbar, aber mit deutschem Essen hatte der nicht viel gemein. ^^


Ach ja, mittlerweile waren wir auf insgesamt sechs Leute angewachsen, da wir im Rutland & Derby einen Norweger kennen gelernt hatten, der uns zum Taps begleitete. Lustiger langhaariger Geselle mit dem Hobby (oder Beruf?) englische Schlachten detailgetreu mit Miniaturfiguren nachzustellen. Die meiste Zeit hatte ich keinen Plan wovon er redete, als er davon erzählte. Nichts desto trotz eine nette Bekanntschaft.

Unser weiterer Weg führte uns zum Bruxelles, einem etwas nobleren Schuppen, aber die Bedienung war nicht über den Trail informiert und so zogen wir enttäuscht von dannen. Unser letzter Stop, aus Zeitgründen, war dann auch schon das Firebug, welches uns mit köstlichen Burgern versorgte, aber anstatt Bier gab es dieses Mal Whisky Cola:





Die Küchen hatten nun zwar geschlossen, um gerade mal 20 Uhr, aber unser Abend war natürlich noch nicht vorbei. Wir zogen weiter in nächste Pub, trafen weitere Freunde und als die Glocke um Mitternacht zum zweiten Mal läutete, verbrachten wir den weiteren Abend im Hause eines Freundes. Irgendwo war noch eine Spur restlicher Verantwortung vorhanden und das bestellte Taxi lieferte uns gegen zwei Uhr Morgens vor der Haustüre ab.

12 Stunden Essen & Trinken, ein gepflogener Samstag in Leicester, welcher das letzte grosse Ereignis vor meiner Weiterreise in die Schweiz um Sonntag Nacht darstellte. Gute Freunde trifft man zum Glück überall in der Welt und die Wärme der Liebe (plus Alkohol) siegte über die kalten Temperaturen. Am Sonntag haben wir entsprechend nur rum gegammelt und uns Klassiker wie Withnail & I angeschaut bis zu meiner Abreise um kurz nach Mitternacht.





Samstag, 26. September 2015

Freundschaft & Liebe

Freundschaft und Liebe, zwei Gefühle deren Grenzen fliessend sein können. Ist Liebe nicht doch eine Steigerung von Freundschaft? Romantische Gefühle aber eine Reduktion der Liebe? Was, wenn die freundschaftliche Bindung den romantischen Gefühlen zu einer anderen Person um ein Vielfaches überlegen ist? Von aussen bereits als Liebe angesehen wird und die körperliche Nähe der Freundschaft die der Romantik übersteigt?

Romantische Gefühle können in Liebe übergehen, aber so die Freundschaft. Deren Chance ist kleiner, aber wiegelt sich die Energie von der Romantik zur Liebe nicht zur Überbrückung dieser Barriere auf? Möchte dieser vermeintliche Widerstand überhaupt aufgehoben werden oder bröckelt er nach und nach von alleine? Liegt da der Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe? Des Niederfalls der unsichtbaren Mauer, ob gewollt oder vom Schicksal gefügt, wobei die Liebe dessen Herkunft um einiges intimer wahrgenommen wird, als die Weiterentwicklung der Romantik, in ihrem Werdegang von der fleischlichen zur sinnlichen Lust übergeht, gegenteilig die Freundschaft, welche zum Geist schlussendlich den Körper miteinbezieht.

Zwei Arten von Liebe, in ihrer Entstehung konvers, die eine schneller wahr genommen wird, das Wachstum der geistigen Einheit am blühen und die andere lange reifte, in ihrem Ausbruch umso intensiver ist. Während die Sinuskurve der romantischen Liebe nach Eruption bald wieder sinkt, ist die Kurve der freundschaftlichen Liebe eine exponentielle Annäherung mit dem unendlichen Begehren Eins zu sein. 

Freitag, 25. September 2015

Groschenroman

Wer liebt sie nicht, die Seifenopern? Tauchen wir ein wenig in das chaotische Liebesleben im Vucciria Hostel ein.

Ausflug nach Australien

Die letzten Tage waren eher ruhig, was die Anzahl an Gästen anbelangt, stellenweise waren es nur zwei, welche hier länger zugegen waren: Holly aus Australien und Tom aus Deutschland. Tom hat leider die unglückliche Rolle des fünften Rades am Wagen erwischt, egal wohin wir gehen. War es zunächst noch in Ordnung für ihn mit Geovana (Mein brasilianischer Ersatz für Rhys) und mir abzuhängen, so änderte sich sein Glück, als er Gefallen an Holly fand. Euch sind sicher schon Menschen begegnet, die einfach nicht miteinander umgehen sollten, da sie sich nicht auf der selben Wellenlänge befinden und konstant aneinander vorbei reden. Tom konnte das nicht einsehen und probierte es trotzdem immer und immer wieder, obwohl von Holly aus wirklich gar nichts kam.

Donnerstag Abend kamen spontan Pläne zustande, am nächsten Tag nach Favignana zu gehen. Der Plan kam von Elizabeth aus, der Freundin von Martino (der Besitzer des Hostels). Elizabeth war wenige Wochen zuvor ein Gast im Hostel und kam nach einer Woche Abwesenheit wieder zurück, die beiden sind so sehr verliebt, dass einem fast übel wird, aber dies nur eine kleine Notiz am Rande.

Mit auf die Reise wären gekommen: Martino, Elizabeth, Tom, Holly, Geovana und ich. Dieser Plan geriet jedoch ins Wanken, als uns Martino Donnerstag Nacht mitteilte, nachdem wir gerade vom Gelato Festival (omg so genial!) Halt. Stop, da muss ich doch noch ein wenig weiter ausholen, mehrere Wochen genauer gesagt. Es war vor mehreren Wochen also, als ich über Tinder eine Litauerin kennen lernte, welche momentan in Palermo Jura studiert. Geschrieben haben wir oft, aber uns nie getroffen; jedenfalls nicht geplant. Es geschah eines Morgens, dass ich eine Nachricht von ihr bekam mit der Nachricht: "Hey, warst du gestern Abend vor der Taverna?" - Per Zufall war ich das sogar gewesen und ich konnte mich an ein Gesicht erinnern, dass sehr vertraut wirkte, aber ich wusste bei bestem Willen nicht, wo ich es einordnen sollte und ihr Blick drückte den selben Ausdruck aus. Nachdem ihre Frage positiv beantwortet wurde, kam eine Nachricht rein die sagte: "Dann warst es also doch auch du vor zwei Wochen im Bus!" Dies war doch recht verblüffend, da ich den Bus bisher nur einmal gebraucht hatte, um zum Strand in Mondello zu gelangen. Damit der Zufälle nicht genug.

Vor dem Gelato Festival gingen wir wieder zum Piazza Bellini, um die Folk Tänzer zu bewundern. Gleich als erstes erspähte ich Katharina, eine ehemalige Besucherin des Hostels, welche jetzt auch in Palermo Jus studiert. Ich konnte mich noch sehr gut erinnern, da sie am bisher einzigen regnerischen Tag gegangen ist und ich ihr half ihr tonnenschweres Gepäck die hundert Treppenstufen hinunterzutragen, was aufgrund der Nässe in einem Sturz endete, welcher aber glücklicherweise nichts mehr als ein paar bleue Flecken hinterliess. So traff ich sie also wieder, unterhielt mich mit ihr ein wenig über die letzten Tage und wenn erblicke ich da aus den Augenwinkeln? Die Litauerin! Da ich bereits mit Geovana, Holly und Tom unterwegs war und gerade mit Katharina rumgeflirtet hatte, war dieser erneute Zufall definitiv zu viel und wir haben uns nicht mal begrüsst.

Zurück zur eigentlichen Geschichte. Als wir zurück zum Hostel kamen gegen 1 Uhr Morgens, erklärte uns Martino, dass am Morgen jemand im Hostel sein müsste, da um Acht Uhr neue Gäste ankommen. Wir wollten um 8.30 Uhr gehen. Eigentlich kein Problem, aber so ist Martino halt manchmal, ein wenig kompliziert. Nach kurzem hin und her der Aufopferung, beschloss Geovana zu bleiben.

In der Nacht verschob sich jedoch das Gefüge des Universums und wo vorhin nichts war, fand ich mich plötzlich um vier Uhr Morgens im Wohnzimmer mit Holly wieder. Wir beschlossen, dass wir den nächsten Tag lieber alleine zu zweit verbringen wollten und konnten dies auch gleich Martino mitteilen, der uns entdeckte, als er kurz Wasser holen kam in der Nacht. Die liebe Geovana musste natürlich informiert werden, dass sie nun doch an den Strand kann, da ich am Morgen ausschlafen werde, was elegant über Whats App geschah. Nur Tom ging in diesem Informationskreislauf unter, wir wollten ihn ja nicht extra dafür mitten in der Nacht aufwecken.

Nach knapp drei Stunden Schlaf klingelte es um 7 Uhr Morgens an der Haustüre, ich sprang aus dem Bett und empfing noch halb schlafend die Gäste. Durch meinen spontanen Weitsprung wurde auch Geovana wach, welche mit mitteilte, dass sie trotzdem hier bleiben werde, da sie noch ein paar wichtige finanzielle Dinge zu erledigen hat. Ach ja, Geovana und ich schlafen im selben Raum wie sechs andere Gäste, Holly im Erdgeschoss im Vierer Zimmer. Seelenruhig ging ich wieder schlafen, da ich mich mit Holly erst um 10 Uhr verabredet hatte für einen Ausflug an den Strand. Vergessen hatten wir dabei, dass sie Tom letzten Abend gesagt hatte, dass er sie am Morgen wecken sollte, falls sie nicht wach ist. Im Halbschlaf bekam ich noch mit, wie der arme Tom voller Elan um 8 Uhr aufstand und duschen ging. Holly war natürlich noch am Schlafen und antwortete seinem Weckversuch, dass sie erst später an den Strand ginge, aber drückte sich nicht wirklich klar dabei aus. Richtig albern wurde es, als ich um zehn Uhr aufstand, gemütlich Kaffee trank und Tom Holly fragte, wann sie denn jetzt an den Strand ginge. Er ging am Morgen nicht mit Martino und Elizabeth mit, weil er nicht das fünfte Rad am Wagen sein wollte. Holly war seine Fragerei ein wenig unangenehm und die Blicke im Raum von ihr und Geovana waren auf mich gerichtet. Ein wenig später erklärte ich Tom im anderen Raum kurz auf Deutsch, dass Holly und ich alleine ein wenig Zeit miteinander verbringen wollten. "Ok, alles klar", die knappe Antwort.

Nach einem wunderschönen Tag zu zweit, an dem wir rund 15 Kilometer bei brütender Hitze gelaufen sind, kamen Holly und ich am Abend wieder im Hostel an. Irgendwas lag aber in der Luft und schnell wurde herausgefunden, dass Tom den Tag alleine am Strand in Mondello verbracht hatte. Bis auf ein kurzes "Hey" redete er mit keinem mehr von uns und wirkte sehr betrübt. Wenige Minuten nach unserer Rückkehr zog er sich sogar aufs Zimmer zurück und ging schlafen. Wir reden hier von einem 28-Jährigen Mann...später am Abend fand er jedoch neue Freunde bei einer Gruppe mit zwei Single Ladys. Everything's gonna be alright. Holly musste uns leider am Abend verlassen und nahm den Nachtzug nach Rom, ein längeres Wiedersehen folgt aber bereits im November, denn sie hat mich eingeladen für eine Zeit lang mit ihr in Italien zu leben, wo sie momentan als Erasmus Studentin Jura studiert. Als würde ich da nein sagen. Ich hatte bereits mit dem Gedanken gespielt, den Winter in Australien zu verbringen und dies Einladung kommt dem doch schon sehr nah.


Bruch in der Zeitlinie

Die vergangenen Zeilen wurden alle noch in Palermo geschrieben, gleich am Tag nach Hollys Abreise. Danach wurde es richtig wild und ich schreibe mittlerweile aus Leicester zu euch. Ja ihr habt richtig gelesen, ich bin wieder zurück in England in Leicester, wo alles angefangen hat. Fahren wir aber weiter mit den letzten Tagen in Palermo,

Mittlerweile war es Samstag, meine Abreise war für Mittwoch Morgen um 3.30 Uhr geplant. Mir verblieben also noch vier Tage. Manche Menschen stürzten sich zum Vergessen oder Verdrängen in Alkohol oder Drogen, das Mittel meiner Wahl war zu meinem Erstaunen Dating. Durch Holly musste ich neues Selbstvertrauen gefasst haben, jedenfalls hatte ich am Samstag Nachmittag bereits ein Date mit einer Sizilianerin in Bagheria, welches rund 15 Minuten mit dem Zug von Palermo entfernt war. Bagheria ist ein kleines Städtchen, in dem jeder jeden kennt und so war es doch ein wenig unangenehm, von vielen mit aufmerksamen und vielsagenden Blicken angestarrt zu werden. Da ihre Familie sehr konservativ war, stand es ausser Frage heim zu ihr zu gehen und so kamen wir uns auf der Toilette eines Restaurants näher. Gegen 8 Uhr Abends war ich wieder im Hostel und wurde bereits erwartet. Geovana hatte ich nichts vom Date erzählt, aber aufgrund der Art meiner Verabschiedung wusste sie, dass irgendwas im Busch war und wollte natürlich sofort aufgeklärt werden. Solche Dinge lassen sich im Hostel nicht für sich behalten, jeder weiss alles von jedem.

So zum Beispiel Martinos sonderbare Begegnung mit einem japanischen Gast. Martino kam gerade aus der Dusche in seinem Zimmer, wie Gott ihn schuf, als der Japaner an der Tür klopfte und sofort eintrat. Martino blieb ruhig und sagte er solle sofort wieder aus dem Zimmer gehen. Der Japaner schien sehr verstört durch diese Begegnung, hinterfragte nun wohl sogar sein eigenes Geschlechtsorgan und verliess zwei Stunden später das Hostel. Nicht wegen dem Penis-Vorfall, sondern weil er momentan kein Geld von seinem Account beziehen konnte. Wir boten ihm an trotzdem hier zu bleiben, aber die Schande wäre für ihn wohl zu gross gewesen.

Am Sonntag kamen unsere english sunshines Esmerelda und Giya zurück nach anderthalb Wochen Abwesenheit. Die zwei sind ihr ihrer Zeit im Hostel zu guten Freunden geworden und wir hatten einige feucht fröhliche Nächte mit ihnen erlebt. Da gibt es auch noch eine wichtige Randnotiz. In ihrer Zeit hier war ein Niederländer da, Rugy Spieler, lag mehrere Tage im Koma nach einem Autounfall, erlitt dadurch einen Gehirnschaden und musste alles neu erlernen. Die Girls ladeten ihn ein mit nach Syracusa an ein Foto Festival zu kommen. Esme flirtete konstant mit ihm, aber nur zum Spass. So war jeder höchst überrascht, als wir erfuhren, dass der Niederländer mit Giya, der eher ruhigen, an ihrem Geburtstag ins Bett gehüpft ist. Selbstverständlich wurden wir mit allen Details vertraut gemacht, was zu vielen Insider Jokes zwischen uns vieren führte. Selbst andere Gäste merkten an, welch ein eingespieltes Team wir waren.

Esme begann am Sonntag mit Tinder herumzuspielen, aufgrund meines gestrigen Dates und es entflammte eine regelrechte Tinder-Manie unter uns vieren. Ich wollte ihnen natürlich zeigen, wer hier der Mann im Hause ist und so traf ich mich rund zwei Stunden nach Herstellung des ersten Kontaktes bereits einer Dame aus Deutschland, welche für ein paar Tage in Palermo war. Spaziergang am Meer begleitet von Feuerwerk, ein romantischer Abend, Als wir jedoch vor der Tür ihrer Wohnung war, fing es an zu regnen und ich musste mich entscheiden, ob wir wieder reingehen oder noch kurz beim Gelato Fest vorbei schauen, welches heute seinen letzten Tag hatte. Ich entschied mich zu gehen, weil ich mit den Mädels um 23 Uhr abgemacht hatte und es bereits nach halb war. Ich konnte meine Freunde schliesslich nicht für eine flüchtige Bekanntschaft im Stich lassen.

Der Fakt, dass ich kurz vor meinem Date noch ein anderes für den morgigen Tag klar gemacht hatte, brachte mir mittlerweile den Spitznamen Casanova ein und Sätze wie "Don't use your sweet talking on me!" und "You got such a way with words!" fielen des öfteren. Mit meinen drei Engeln ging ich dann also kurz nach meiner Rückkehr trinken:


Von links nach rechts: Giya, Geovana, ich und Esmerelda

Die neidischen Blicke der Italiener könnt ihr euch wohl vorstellen! Um halb zwei schwappte bei mir die Stimmung jedoch, die Abreise von Holly und die baldige meinerseits wurden ins Bewusstsein gespült, was dazu führte, dass ich dem Trubel der Strassen entfliehen wollte. Ich überliess die Mädels ihrem Schicksal und machte mich auf den Weg zurück ins Hostel. Plötzlich rief jemand meinen Namen und ich sah Martino ausufernd winkend. Er war mit Elizabeth in einer ruhigen Bar und sie luden mich zu einem Bier ein. Gleichzeitig offerierte mir Martino nächstes Jahr das Hostel als Manager zu leiten, während er für ein paar Monate sein wird. Ein Angebot, welches ich definitiv in Betracht ziehen werde, wir Details aber noch nicht geklärt haben.

Um drei Uhr war ich wieder im Hostel, schlafen konnte ich nicht. Während ich mir langsam anfing Sorgen, um die Sicherheit der Mädels zu machen, hörte ich plötzlich ein lautes Donnern auf den Strassen und kurz darauf betraten die Hübschen das Hostel. Nach Schliessung der Bar um 2 Uhr waren sich auf einem Bordstein gesessen (...) und wurden plötzlich von Typen angemacht. Geovana fing sich sogar mit einem an zu Prügeln und als sie nach Hause gingen hatten sie eine Meute von Acht Typen im Schlepptau, die unbedingt das Gebäude betreten wollten, Geovana ihnen aber glücklicherweise die Türe vor der Nase zuschlug. Meine Engel kann man einfach nicht alleine lassen.

Der nächste Tag war sehr ereignislos und verbrachte ich nach getaner Arbeit am Morgen meist schlafend bis 4 Uhr Nachmittags. Am Abend geschah es zum ersten Male, dass sämtliche Gäste mit uns auf dem Balkon unseres Zimmers verbracht hatten. Es war sehr entspannt, wobei die Insider Jokes zwischen uns vieren dominierten. Wir beschlossen an diesem Abend auch, Silvester gemeinsam in Brighton zu verbringen. Lange Umarmungen folgten beim zu Bett gehen, da Esme und Gi uns am frühen Morgen verlassen werden.

Der letzte Tag 

Alle waren sie weg, Esme, Gi, viele weitere Gäste und selbst Tom ging am Morgen, der sich in den letzten Tagen kaum mehr mit jemandem unterhalten hatte und stets alleine nach Mondello gegangen war. Zwei Deutsche brachten ein wenig Stimmung in die Bude und versorgten mich mit fantastischer Pasta, gingen aber auch am Nachmittag, den ich selber gemütlich am Meer mit einem Buch verbracht hatte. Gegen Abend waren nur noch drei frisch angereiste im Hostel und die Stimmung leicht gestresst. Mit Margherita, Geovana und Carolina, einer Spanierin, ging ich ein letztes Mal im Piazza Vucciria deliziöse Sandwiches mit frisch gegrilltem Fleisch essen und mit den zwei Mädels auf einen Spaziergang ans Meer gefolgt von Gelato. Zurück im Hostel machte ich mich daran, eine Unterkunft in Birmingham zu finden, wohin ich Morgen gehen werde für den Besuch des EGX Festivals. Alles war ausgebucht und ich gestresst, nach anderthalb Stunden schrieben mit jedoch meine Freunde in Leicester, dass ich bei ihnen übernachten könnte, hurra!

Total ausgelaugt von der Unterkunftssuche, machte ich mich gegen Mitternacht auf ins Bett, um ein wenig Schlaf zu fassen. Kurz darauf kam Martino rein, der zuvor mit Elizabeth essen gegangen war und richtete die schönsten Worte an mich, die ich jeweils zuvor von einem Menschen gehört hatte und viele Umarmungen folgten. Geovana hatte sich noch nicht verabschiedet, da sie um 3 Uhr mit mir aufstehen wollte. Als ich nach knappen drei Stunden halb wach liegend im Bett aufstand, folgte mir Geovana ganz nach ihrem Spitznamen "little shadow" wortlos in das Wohnzimmer. Zu meiner Überraschung war auch Martino da, der keinen Schlaf finden konnte, bisher war noch kein Ersatz für mich am Start. Ich begann meine letzten Sachen zu packen und darauf folgte der schwerste Abschied meines Lebens, der mir nun, drei Tage danach, noch einen Kloss im Hals beschert. Geovanas Worte, bitte geh nicht, warum musst du gehen, verschieb doch deinen Flug, machten es nicht einfacher. Es folgten mehrfache, nie endende Umarmungen von jedem und irgendwie schuf ich es um halb 4 Uhr Morgens das Hostel zu verlassen. Trotz der Gewissheit, wieder zurück zu kehren und dem Wiedersehen mit Geovana in zwei Monaten fühlt es sich immer noch wie ein grosser Fehler an.

Wie in Trance bewegte ich mich zur Busstation am Bahnhof, nahm den Bus an den Flughafen, stieg in den Flieger nach Rom, flog von dort nach London, fuhr eine Stunde mit der Tube zur Victoria Coach Station, fuhr von dort vier Stunden nach Birmingham und nahm von dort den Zug nach Leicester. Begleitet von liebreizenden Nachrichten Geovanas, wie sehr sie mich alle bereits vermissten und wie verdammt hart es war mein Bett am Morgen neu zu beziehen. Abends um 19 Uhr traf ich endlich in Leicester ein, wo ich schon von Laura erwartet wurde. Korrekt British fingen wir sogleich an zu trinken und begaben uns auf den Leicester Tapas Trail. Wenig gesellte sich auch Mike zu uns, der die Stunden vorher einen Punk Song im Studio zum #Piggate Vorfall, der gerade die runde in den Medien machte, aufgenommen hatte. Köstliches Essen, viel Bier, ein Wiedersehen mit Freunden, der Abschied von Palermo rückte für ein paar Stunden in den Hintergrund. Ich beschloss jedoch, den Tag danach noch nicht nach Birmingham zu gehen, ich brauchte ein wenig mentale Erholung. Der Freitag verlief dementsprechend ereignislos. Mike und ich fingen bereits um drei Uhr Nachmittags an zu trinken und setzten dies fort bis um ein Uhr Nachts. Ich wusste, dass ich auch am nächsten Tag nicht an die EGX gehen werde.

Hier bin ich nun wieder in Leicester, es ist Freitag Nachmittag, der Tag bisher zum Wohlgefallen Bob Marleys verbracht worden und frage mich stets, warum ich Palermo verlassen habe. Selten waren mir bisher Menschen so sehr ans Herz gewachsen, dass ich mir vorstellen könnte die nächsten Jahre mit ihnen zu verbringen. Jede Faser meines Körpers scheint noch in Palermo verankert zu sein und ist bis fast zur Überstrapazierung gespannt. Ein Ziehen im Herzen, Tränen vor Freude, des Glücks, der unfassbaren Schönheit des Lebens und der Dankbarkeit, diesen Schmerz spüren zu dürfen.

Ti amo,
Patrick

Dienstag, 15. September 2015

La vita è bella

Eine Woche nichts tun, keine Artikel schreiben, Email mal Email sein lassen, keine Artikel schreiben und das Leben geniessen. Heute wurde mir bewusst, dass ich dies seit  über anderthalb Jahren nicht gemacht habe.

Das Leben hier hat sich mit dem Abgang von Rhys schlagartig geändert. Nicht eine, nicht zwei, gleich drei Frauen sind in mein Leben getreten. Letzte Woche wurde exzessiv gefeiert bis zum legendären Wahrheit & Pflicht Abend, welche alle Beteiligten zutiefst beeinflusst hat. Folk tanzen auf dem Piazza Bellini, die Suche nach dem perfekten Glas Wein und unzählige Abenteuer, die hier besser nicht erwähnt werden hinterliessen ihre Spuren.

Die letzten Tage war Strand angesagt, irgendwann muss man sich auch wieder erholen. Mondello, normalerweise überlaufen, fanden wir nach einem halbstündigen Regen fast ohne Menschenseele vor und genossen den Sonnenuntergang am Strand. Gestern ging es nach Arenella, ein Strand der nur den wenigsten bekannt ist und viel Raum für zweisame Stunden zulässt. Bei 34°C, ohne Schatten Nachmittags um zwei Uhr ohne Mittagessen bereits anfangen Bier zu trinken war jedoch nicht die weiseste Idee, die wir hatten. Umso besser schmeckte die riesige Familien Pizza um acht Uhr Abends für 13 Euro, inklusive Getränken. Ausgeklungen wurde der Abend am Pier begleitet von den energetischen Klängen einer Gruppe Bongo Spieler.

La vita è bella =)




Eine Woche bleibt mir noch übrig in Palermo, dann heisst es leider Abschied nehmen. Ein Tag, dem ich nicht entgegen sehne. Zu schön ist das Leben hier, ein Zuhause in der Fremde, die gar nicht mehr so fremd ist. Nach einem Monat werde ich mittlerweile auf den Strassen im Viertel begrüsst, kann mich in Restaurants und Bars ohne Probleme auf Italienisch verständigen und ab und zu erreichen mich am Morgen auch Nachrichten wie: Hey, warst du gestern bei der Taverna? ;)

Piazza Garrafello ist mittlerweile tot. Die Polizei hat die ewig währende Party beendet, Musik gibt es nur noch selten und wenn in moderater Lautstärke zu hören. Dies hält die Leute jedoch nicht davon ab, regelmässig in Heerscharen ins Viertel zu strömen. Trotzdem, im Gegensatz zu früher ist hier nicht mehr ganz so viel los, aber immer noch mehr als ihr euch vorstellen könnt.

Ein anderer legendärer Abend war am ersten Wochenende ohne Musik. Wir kamen gerade vom Piazza Maggione, dem Ort an dem sich alle Studenten treffen, zurück und wenig später wurden wir Zeuge einer Schlägerei. Nicht die übliche mit ein bisschen Hauen und Abstand nehmen, hier wurde in blinder Wut aufeinander eingedroschen und als jemand ein Messer zückte geriet die Menge in Panik. Flaschen und Stühle wurden von Herumstehenden in die Hand genommen, andere suchten das Weite. Es herrschte Chaos. Barbesitzer schnappten sich die Tische und Stühle ohne Rücksicht auf die sich noch darauf befindlichen Flaschen und schlossen innert Sekunden. In wenigen Minuten war praktisch keine Menschenseele mehr vorhanden und die fünf Polizeiwagen, welche zwanzig Minuten ankamen, verschwanden wieder nach dem Drehen einer Runde. Ein Abend, denn wir nicht so schnell vergessen werden!

Eine Woche noch, die innere Unruhe beim Gedanken daran ist unbeschreiblich. Das Zurücklassen geliebter Menschen nicht vorstellbar. Palermo hat mir gezeigt, wie das Leben sein sollte und mir ein neues Zuhause gegeben. Ein Ort, den man nicht verlassen will, in der Ferne vermisst und man wertgeschätzt wird, umgeben von Liebe.

Noch eine Woche...welche in den vollsten Zügen genossen werden wird. 

Montag, 7. September 2015

Abschied

Heimkommen, für viele Vollblut Reisende das Schlimmste. Meist dauert es mehrere Wochen, um mental wieder komplett zu Hause anzukommen. Einiges schmerzlicher ist jedoch das Abschied nehmen.

Die Dauer der Bekanntschaften spielt keine Rolle, nur die Intensivität. Manche fallen leichter, andere scheinen die Welt zum Stillstand zu bringen. Ein Wiedersehen ist meist ungewiss, leb wohl ist nicht selten wortwörtlich zu verstehen. Worte bleiben ungesagt, der Austausch von Facebook und anderen Daten wird versäumt. Manche bleiben ein Leben lang in Erinnerung, die Namen jedoch vergessen. Kleine magische Momente, die genau dies bleiben sollen und nicht vom Trott des Alltages zerstört werden.

Auch wenn das Schicksal gnädig ist und ein baldiges Wiedersehen ermöglicht, trennen sich die Wege nach kurzer Zeit bald wieder; für immer. Doch es gibt sie, die Ausnahmen. Personen, deren Pfade nach nur wenigen Tagen untrennbar verknüpft sind und den weiteren Lebensweg zusammen beschreiten.

Ausnahmen sind leider nicht die Regel und so suhlen wir uns in den verpassten Chancen und erinnern uns an die intensiven Momente vergangener Tage mit der Gewissheit, dass die nächste kommen wird. Irgendwann. Und mit Glück wird sie bleiben.


In Memoriam:

- Rothaarige Isländerin, welche für eine äusserst unterhaltsame Autofahrt von Reykjavik nach Akureyri gesorgt hat

- Texanerin in San Sebastian, welche durch ihre Nacktzeichnungen und dem Strandspaziergang bei Vollmond verzauberte

- Norwegerin in Bangkok, welche sofort auf der selben Wellenlänge war und man nie wusste, ob sie geistig im klaren ist

...und alle anderen wundervollen Menschen, die mir auf meinen Reisen begegnet sind.

Meine Liebe ist mit euch.

Sonntag, 30. August 2015

Catacombe dei Cappuccini

Die Luft steht still, kein Windhauch ist zu spüren. Die draussen herrschende Hitze verschwunden, wich jedoch nicht einer Kühle, die eigene Körpertemperatur verschmilzt mit der Umgebung. Leises wispern ist zu hören, ansonsten herrscht Totenstille, wortwörtlich. Wir haben soeben die Katakomben von Cappuccini betreten, Ruhestätte von rund 8000 Leichen und über 1200 Mumien.



Unterteilt sind die Katakomben in verschiedene Bereiche: Männer, Frauen, Kinder, Jungfrauen und Mönche. Die Leichen sind in allen Stadien vorzufinden und reichen von beinahe unversehrt erhalten über Gestalten aus den schlimmsten Alpträumen zu Skeletten. Die älteste Mumie, ein Mönch, ist über 400 Jahre alt und die jüngste, ein zweijähriges Mädchen, keine Hundert. Die Ausstellungsobjekte wirken beängstigend lebendig, als könnten sie jeden Moment aus ihrer Stare erwachen.



Besonders interessant war die innere Abstumpfung gegenüber den Leichen. Der anfängliche Reflex die Katakomben sofort wieder zu verlassen, der Blick nur kurz über die Toten huschend, stets in der Mitte des Ganges gehend, verschwand nach einer Weile und mit Interesse fang ich an die Toten und deren Kleidung zu studieren. Selbst das zweijährige Mädchen konnte nicht mehr schocken, ähnlich Andy Warhols Death and Disaster Austellung mit immer schlimmer werdenden Darstellungen von Unfällen. Es war die bisher schrecklichste und zugleich eindrücklichste Erfahrung in meiner Zeit in Palermo.

Mittwoch, 26. August 2015

La Vucciria

Das schäbige Viertel Vucciria ist in ganz Sizilien für seinen wilden Mercato della Vucciria bekannt, einen quirligen Markt, der nur so wimmelt vor schreienden Verkäufern, silbernen Fischen mit starrem Blick, schaukelnden Tierkadavern, frischem Obst und Gemüse und Fleischräuchergrills. 
Vucciria, einst das Herz des von Armut geplagten Palermos und ein Sumpf von Verbrechen und Dreck, veranschaulichte die fast mittelalterliche Kluft zwischen Reich und Arm, die bis in die 1950er-Jahre in Sizilien existierte. Obwohl es immer noch ziemlich schäbig ist, zieht das Viertel Heerscharen von Touristen an und ist einer der faszinierendsten Bezirke von Palermo, in denen man umherschlendern kann.
 - Lonely Planet Guide Sizilien

Herscharen von Touristen? Mercato della Vucciria als Highlight? Naja, Lonely Planet kann nicht alles wissen. Piazza Garrafello in Vucciria ist so ziemlich der beste Ort in Palermo, um Abends seine Zeit zu verbringen. Ein Bild davon habt ihr ja im letzten Beitrag gesehen. So sieht es jeweils am Wochenende aus:


Und in Bewegung (Vorsicht: Laut!):



Zu viele Videos und Bilder lassen sich zu den nächtlichen Aktivitäten nicht find. Dies hat einen einfachen Grund: Es ist illegal. Die Musik wird erst nach Mitternacht voll aufgedreht, Stände mit Alkohol kommen angefahren und Shops stellen ihren harten Alkohol aus. Dies geschieht erst nach Mitternacht, weil die Polizei dann schlafen geht. Fragt nicht, es ist einfach so... Sollte mitten in der Nacht doch mal Polizei in der Nähe sein, macht dies schnell die Kunde. Die Musik wird abgestellt, der Alkohol versteckt. An allen Eingängen zu La Vucciria müssen Späher postiert sein. Kaum ist die Lage wieder sicher, geht die Party weiter und der weisse Rauch zahlloser Joints steigt wieder vom Partyzentrum Palermos auf. 

Touristen verirren sich selten hierhin und falls doch sind sie mehrheitlich italienischer Abstammung. Kein Wunder, diesen Part Palermos würde ich wahrscheinlich als Tourist nicht mal bei Tage betreten, geschweige bei Nacht. Tagsüber ist es gespenstig ruhig. Die Spuren der vergangenen Nacht werden beseitigt und der ganze Platz gewischt. Erst gegen Abend erwacht Piazza Garrafello langsam wieder. Die Leute setzten sich an die Tische, trinken Bier zu leiser Hintergrundmusik, bis spät Abends die Tische weggeräumt werden und die Party wieder von vorne los geht bis vier Uhr Morgens.